Leben ohne Facebook – eine quantenmechanische Betrachtung

Seltsam, ich bin nicht auf Entzug. Ich habe gar nicht bemerkt dass ich kein Facebook mehr habe, das heißt fast nicht: Am Montag bin ich, wie so oft in den letzten Tagen, in einer Schlange gestanden und hatte mein Kindle vergessen. In solchen Fällen akuter Langeweile und erzwungener Untätigkeit zücke ich mein Smartphone und vertreibe mir die Zeit mit Internet. Mein Browser hatte noch das Facebook-Bookmark gesetzt, und normalerweise wäre ich zuerst auf Facebook gegangen um mir die neuesten Bilder meiner Freunde anzuschauen. Nachdem Facebook keine Option mehr war habe ich auf “ars technica” die Zeit totgeschlagen.
Dennoch bleibt die Frage, was habe ich verpasst? Wie hätte sich mein Leben mit Facebook entwickelt? Fundamentale philosophische Fragen, fast schon transzendent. Nachdem mein philosophischer Werkzeugkasten aber etwas mager bestückt ist, muss ich mich dem Problem naturwissenschaftlich nähern.
Mit der Wichtigkeit von Facebook-Nachrichten für mich ist es ein bisschen wie mit dem Beobachter Prinzip in der Heisenbergs Unschärferelation: Ich kann sie nicht genau bestimmen, ohne den Ausgang des Experiments zu beeinflussen. Wäre ich bei Facebook würden vielleicht meine Freunde Nachrichten posten, von denen sie denken sie interessierten mich. Nun bin ich nicht bei Facebook, es kann sein, dass die Nachrichten trotzdem gepostet wurden und ich es daher nicht mitbekommen habe oder aber, dass die Nachricht gar nie gepostet wurde.
Für diejenigen unter euch, die eher Schrödinger als Heisenberg zugetan sind: Die Wichtigkeit der Nachricht (Katze) in der Kiste (Facebook) existiert (Atomkern intakt, Katze lebt) und existiert nicht (Atomkern zerfallen, Katze vergast) solange ich den Deckel (Facebook login) zulasse.
In der Quantenphysik ist Heisenbergs Erkenntnis es natürlich relevant, und ich habe höchsten Respekt vor Werner. Wie so oft im Leben interessiert mich als Ingenieur aber die edlen Erkenntnisse von Physikern nur so weit wie unbedingt nötig. In meiner makroskopischen Welt ist die Unschärfe gar nicht wahrnehmbar. Die meisten Nachrichten auf Facebook beschränkten sich auf “Oh nein, Morgen ist Montag!” und Fotos von grimmig schauenden Katzen, wahrscheinlich aufgenommen als die Katze den ‘klick’ des Geigerzählers gehört hatte.
Um weiter naturwissenschaftliche Vergleiche zu bemühen, Facebook Nachrichten sind hochfrequente Signale” mit geringer Energie bzw. Informationsgehalt (“Oh nein, Morgen ist Montag”). Herkömmliche Kommunikationsmittel wie email, Telefon oder Briefe funktionieren wie ein Tiefpass, sie filtern niederfrequente Informationen mit hohem Informationsgehalt.
Tatsächlich: Ich habe in den letzten zehn Tagen mehr persönliche emails geschrieben und empfangen als im gesamten letzten Jahr und dabei sehr viel mehr von meinen Freunden erfahren als über Facebook! Ich habe sogar eine Postkarte bekommen! Ich habe leider keine Messwerte mehr darüber wie viel Zeit ich auf Facebook verbrachte aber ich bin mir sicher, dass es insgesamt mehr Zeit war als ich letzte Woche für das schreiben persönlicher emails aufgewandt habe.

Ich möchte mich hiermit bei Physikern für die verunglimpfende Vereinfachung von Quanteneffekten entschuldigen. Bitte habt Nachsehen mit einem einfachen Ingenieur, der mit ach-und-Krach durch Exphys gekommen ist.