Bye-Bye Facebook (de)

Die zentrale Frage zuerst: Will ich, dass der Bruder meines ehemaligen Nachbarn die Historie meiner spontanten Kommentare, “like”-Klicks und Bilder auf denen ich zu sehen bin mit einem Mausklick erreichen kann?

Ich denke, es mittlerweile bei allen angekommen, dass unsere Aktivitäten im Internet nicht geheim sind und sich einige Leute und Organisationen dafür interessieren. Schon vor einigen Jahren ging das Gerücht um Bill Gates lese meinen Festplatteninhalt [1]. Im Mai haben erfahren, dass Bill Gates zwar nicht meine Festplatte ausliest aber, dass die vermeintlich verschlüsselte Kommunikation über Skype von Microsoft mitgelesen wird [2]. Seit Juni haben wir Gewissheit, dass die “Sicherheitsbehörden” der USA unseren Internetverkehr durchforsten Daten und Metadaten speichern und auswerten [3]. Auch Mark Zuckerbergs Geschäftsmodell, Facebook, lebt von meinen Daten.

Nichts von alle dem jedoch bewegt mich jedoch dazu meine Nutzung des Internets zu ändern. Versteht mich bitte nicht falsch, ich finde es nicht in Ordnung, ja ich finde es empörend was die NSA mit PRISM und GCHQ mit Tempora[4] aufgebaut haben und zu welchem Zweck. Ich finde es erschreckend wie gut die Profile sind, die Amazon und Google Adsense von mir und meinem Interesse für Produkte erstellen.

Der Mensch ist notorisch schlecht im abschätzen von Risiken. Die Risiken für die Privatsphäre ist sehr abstrakt und so wiegen sich einige Besorgtere in Sicherheit, wenn sie in Facebook und Foren unter einem Pseudonym auftreten. Effektive Sicherheitsmaßnahmen wie PGP[5] verschlüsselte/signierte emails nutzt kaum jemand. Es ist weit verbreitet zu denken “ich habe nichts zu verbergen und es interessiert sich auch niemand dafür”. Ich ginge nie so weit zu sagen ich habe nichts zu verbergen, das ist der falsche Ansatz. Nicht der Schutz der Privatsphäre muss begründet werden sondern die Neugier. Natürlich gibt es in meinem Leben Dinge die ich gerne für mich behalte und nur ausgewählten Personen Einblick gewähre und natürlich gibt es Details die Nichteingeweihte interessieren würden.

Die treffendere Formulierung wäre: “Ich habe nichts vor der NSA zu verbergen.” Im ernst, ich würde mich geschmeichelt fühlen wenn vor der Tür ein schwarzer Überwachungswagen parken würde, oder mich gut gekleidete Herren (und gut aussehende Damen) in einer alten Lagerhalle zu meinen Tätigkeiten am IATECAM befragten. Ich würde Mitleid fühlen wenn Mark Zuckerberg nichts besseres zu tun hätte, als meine Facebook-Posts zu lesen und Bilder anzuschauen (@Zuckerberg: Get a life!).

Nein, das alles besorgt mich nicht so sehr. Für die NSA bin ich ein Profil (“technisch versierter Deutscher, lebt in Brasilien, hat vor 10 Jahren das kommunistische Vietnam besucht, isst aber Schweinefleisch und ist daher kein Terrorist”) – ich bin nicht einmal interessant genug um als einfacher Wirtschaftsspion zu arbeiten. Für Facebook, Amazon und Google bin ich ein potentieller Käufer (“technisch interessierter Mann Anfang 30, gutes Einkommen”) – meine Person ist unwichtig, das Interesse gilt meinem Geldbeutel. Ich gehe davon aus dass bei Facebook und der NSA Profis arbeiten. Genau so wie im Krankenhaus wo der Arzt aber auch der IT-Verantwortliche letztendlich Zugriff auf meine sensiblen Daten haben,vertraue ich der Professionalität der Institution und ihren, wenn auch unschönen, aber klaren Motiven (NSA:Paranoia, Facebook:Geld).

Was mich bewegt sind neugierige Dritte mit persönlichem Interesse! Ja genau – Ich traue meinen “Freunden”, “Freunden-von-Freunden” und anderen Nutzern nicht zu, dass sie meine Daten in meinem Sinne nutzen. Das ist nichts persönliches gegen meine “Freunde”.
Der Begriff “Freund” bei Facebook ist eine, etwas irreführende, eine Beziehung im weitesten Sinne. Das reicht von echten Freunden aus dem realen Leben (auch “Meatspace” genannt [6]) bis hin zu flüchtigen Bekannten, die man vor Jahren auf einer Party getroffen hat und man damals aus irgendwelchen Gründen die “Freundschafts”-anfrage nicht ablehnen wollte.
Wenn man sich viel Arbeit macht kann man seine “Freunde” in Gruppen mit unterschiedlichen Zugriffsrechten aufteilen, aber wer macht das schon gründlich und regelmässig und reichen die vorhandenen Optionen wirklich aus? Ich habe es versucht.
Da ich nicht glaube, dass jemand mehr als 100 Freunde hat, habe ich Anfang 2011 die Liste meiner “Freunde” ausgedünnt. Alle “Freunde” wurden gelöscht, mit denen ich seit mehr als 3 Jahren keinen persönlichen Kontakt hatte. Obwohl ich viele Anfragen nicht annehme, habe ich mittlerweile wieder 157 “Freunde”, bleibt die Frage: “Für wen interessiere ich mich wirklich, wem würde ich ohne weiteres einen Gefallen erweisen, der eine gewisse Anstrengung erfordert? Wer hört mir zu und wen kann ich um Rat fragen?”
Das sind genau die Menschen, mit denen ich mich im ‘meatspace’ ohnehin regelmäßig treffe. Natürlich habe ich auch Freunde, mit denen ich mich nicht regelmäßig treffe, da ich auf der anderen Seite der Erde wohne. Und natürlich gibt es auch offline “Bekannte” die ich nicht ohne weiteres eine Nacht beherberge.Da ich mit den meisten Facebook-Freunden eben nicht die Intimität besitze sie um Rat zu fragen, stellt sich als nächstes die Frage, was ich den 157 Facebook-Freunden mitteilen will, was meine offline-Freunde ohnehin schon wissen.

Offline, im Leben verwalte ich meine Privatsphäre automatisch und fast ohne darüber nachzudenken. Nur wenigen Besuchern erlaube ich Zugang zu einem Fotoalbum mit meinen Bildern oder Bildern die Freunde-von-Freunden gemacht haben in denen mich Freunde markiert haben. Ich teile auch nicht per Anschlag am Schwarzen Brett oder Rundschreiben allen meinen Bekannten mit, dass ich am Samstag auf das Caetano Veloso Konzert besuchen werde. Ich empfände es auch seltsam solche Informationen zugeschickt zu bekommen.

Auf der Anderen Seite finde ich es aber nicht seltsam mir die Bilder einer Party anzuschauen, die eine Freund auf Facebook veröffentlicht hat, Es war nicht seine Party und die meisten Gäste kenne ich nicht, und noch viel weniger wissen die Leute auf den Fotos dass ich weiß dass sie auf der Party waren.

In den meisten Fällen ist es mehr oder weniger unschuldiger Voyeurismus. Es ist bequem, so am Leben früherer Freunde in gewisser Weise teilzuhaben: “den Kontakt nicht zu verlieren”. Meist ist der Kontakt schon lange eingeschlafen, man will es sich nur nicht eingestehen. Würde sich mein “Freund” freuen wenn ich auf der Party auftauchte? Könnte ich eine Stunde mit meinem “Freund” unbeschwert quatschen, und vor allem: wollte ich das auch?
Facebook-Timeline bereitet meinen “Freunden”, den “Freunden-von-Freunden” und Unbekannten eine ganze Menge Informationen über mein aktuelles Leben und meine Vergangenheit auf. Jeder “Freund” und Unbekannte kann sehen dass ich Futurama “like”, das darf sehen wer will. Wer interessiert für den Kommentar eines “Freundes” zu einem Foto, das ich 2010 hochgeladen habe? Das kann jeder andere “Freund” auf meiner Timeline sehen (“ich habe ja nichts zu verbergen, und der Kommentator hoffentlich auch nicht”).

In anderen Fällen ist es leider nicht unschuldiger Voyeurismus, sondern ein einfaches Mittel zum Ausspionieren. Mit Fotos kann beispielsweise mühelos ein lohnendes Einbruchsziel ausgemacht werden, Posts und Events der Zielperson geben Einsicht darüber, wann das Haus unbeobachtet ist (Urlaub).
Noch erschreckender – in den meisten Fällen sexueller Gewalt kannte das Opfer den Täter. Es ist sehr unwahrscheinlich dass nachts im Park ein Mann darauf wartet, dass er eine Passantin vergewaltigen kann. Es ist viel wahrscheinlicher, das der zukünftige Täter sich Fotos anschaut und eine “Freunschafts”-anfrage falsch versteht.

Da auch ich nur ein Mensch bin und somit Risiken notorisch schlecht bewerten kann, habe ich wenig Angst vor einem Einbruch (mein Besitz passt in zwei Koffer) und eine Vergewaltigung halte ich für noch unwahrscheinlicher.

Unwohl wurde es mir erst, als ich gestern mit “Graph-Search” und Such-Termen wie “People who are not my friends and like legalize marijuana and live nearby” herumgespielt habe. Ich glaube nicht, dass Max Mustermann (Name geändert), ein Professor, einer der Treffer, unbedingt damit einverstanden sind, dass ich, ein Unbekannter, weis dass sie wahrscheinlich gerne kiffen. Ich finde Max Mustermann ist auch selbst schuld, er muss ja nicht auf “Like” klicken wenn er nicht will das jeder das sieht. Er könnte sich wenigstens die Arbeit machen seine Datenschutzeinstellungen zu ändern. Trotzdem ist es nicht so einfach: Wer weis, ob die Seite die ich 2009 “geliked” habe, heute 2013 noch Inhalt zeigt den ich wieder liken würde? Was würde ich antworten wenn mich jemand danach fragt?
Das Ganze lässt sich noch ausdehnen, um einen Freund in Erklärungsnot bringen warum er zum Beispiel soviele potentielle Kiffer kennt. (“Friends of XY who like legalize marijuana”).
Das ist lediglich ein Beispiel, ich bin sicher Überwachungsfanatikern uns Stalkern fallen noch viele andere kreative Abfragen ein.

Da ich weiss, dass viele Leute nicht verantwortungsbewusst mit ihren eigenen Daten umgehen, glaube ich noch viel weniger, dass sie verantwortungsbewusst mit einem so mächtigen Werkzeug umgehen können.
Um die Ursprüngliche Frage zu beantworten: Nein, ich will nicht, dass der Bruder meines ehemaligen Nachbarn mit einem Klick meine Historie seit Januar 2009 zu sehen bekommt!
Deshalb werde ich Ende des Monats mein Facebook account schließen. Mir werden sicher viele Lacher verloren gehen, ich werde viel weniger von eurem Leben erfahren. Ich hoffe aber, dass ich von meiner Seite aus wieder eher eine email schreiben oder euch anrufen werde, um den Kontakt aufrecht zu erhalten. Es ist sicher weniger bequem, dafür viel persönlicher und in meinen Augen besser geeignet eine Freundschaft zu pflegen. Es ist eigentlich ganz einfach: skype:ruschi79 !

Lebt wohl meine Facebook-Freunde, wir sehen uns im meatspace!